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Zur letzten Instanz

Deutschland
Gasthaus/ Wirtshaus
Ein Stück Berliner Wirtshausgeschichte

Wo – wenn nicht im Gerichtsviertel – ist die letzte Instanz besser aufgehoben? Tatsächlich befindet sich Berlins ältestes noch fast original erhaltenes Gasthaus nicht nur an den Überbleibseln der ehemaligen mittelalterlichen Stadtmauer (in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts begann man mit dem Bau von schlichten, dreigeschossigen Bürgerhäusern entlang der Stadtmauern), sondern auch noch vor den Toren des Landgerichtes – nomen est omen, könnte man meinen. Früher hieß das Lokal aber „Biedermeierstübchen am Glockenspiel“, erklärt der heutige Besitzer, wegen der benachbarten Parochialkirche, die damals noch einen Glockenturm mit wunderbarem Klang hatte.

Die erste urkundliche Erwähnung des heutigen Restaurantgebäudes stammt aus dem Jahr 1561. Den Grundstein für das bis heute erhaltene Restaurant legte 1621 ein ausgedienter Reitknecht des damaligen Kurfürsten mit der Eröffnung einer Branntweinstube, die direkt vor dem alten Ochsenmarkt lag. Vor etwa 100 Jahren wandelte sich die Umgebung in der Klosterstraße und im Jahr 1924 dann ein Gerichtsgebäude errichtet, weshalb sich das Lokal umbenannte.

Das heutige Restaurant streckt sich durch mehrere Häuschen – die Enge vergangener Tage wird deutlich, wenn man im Schankraum steht, denn dieser war das ursprüngliche Lokal. Ein Tresen, Ein Majolika-Kachelofen mit Ofen-Bank und Tisch davor sowie zwei Tische für 4-6 Personen. Der Raum ist dennoch heimelig, komplett mit Holz vertäfelt und wirkt eher wohnlich, als bedrückend. Das heutige Lokal reicht in das Nebenhaus und erstreckt sich zudem über zwei Stockwerke, die mit einer schönen Wendeltreppe verbunden sind. Dennoch ist alles irgendwie verwunschen, von verwinkelten Nischen und heimeligen Plätzen in Hinterzimmern geprägt. Fast könnte man meinen: mit Absicht, denn sicher ist hier die eine oder andere Gerichtsverhandlung im Vorfeld (ab-)gesprochen worden.

Viel Prominenz hat sich im Laufe der Jahrhunderte hier eingefunden, vor allem aber war es seit der Wende ein Lokal, das Politiker gerne aufsuchten (und das, obwohl die „letzte Instanz“ zu DDR Zeiten ein HO-Betrieb war). Dass Gregor Gysi gerne hierherkommt scheint noch wenig verwunderlich, doch auch Gerhard Schröder kam gerne und traf sich hier u.a. mit Jaques Chirac, der das Lokal häufiger mit seinem Besuch ehrte und bevorzugt „Beleidigungs-Klage“ und „Zeugenaussage“ bestellte.

Hinter diesen beiden Phantasienamen verbergen sich Klassiker der Instanz-Küche: „Beleidigungs-Klage“ ist ein Süßwasser-Fischeintopf, „Zeugenaussage“ das in Berlin omnipräsente Eisbein mit Kraut und Erbsenpüree. „Eisbein ist noch immer der Renner im Haus, das verkaufen wir fast tonnenweise“, erklärt Herr Sperling zufrieden und ergänzt, dass auch die Buletten gut gehen würden.

Was am meisten erfreut, ist die Tatsache, dass es hier in der Instanz auch noch die längst vergessene Alt-Berliner Küche gibt, denn wo erhält man heute noch ein echtes Berliner Schnitzel (vom Kuheuter) oder ein Hühnerfrikassee, das sein delikates Aroma von mitgegarter Pökelzunge erhalten sollte. Hier scheint sogar ein „Justizirrtum“ erträglich zu sein, denn dahinter verbirgt sich nichts anderes als ein Kabeljau mit pochiertem Senfei.

Es ist schön, dass in der „letzten Instanz“ Tradition groß geschrieben wird und das Konzept ein so stimmiges und rundes ist. Man nimmt Hrn. Sperling und seinem Team (das übrigens im Wesentlichen aus seiner Familie besteht, denn Frau Sperling kümmert sich um die Finanzen, Sohn Sperling ist hier Küchenchef und auch die Tochter arbeitet mittlerweile im Betrieb mit – nur der Oberkellner ist kein Verwandter, gehört aber quasi zur Familie) einfach ab, dass sie mit Herz und Seele an der Erhaltung des alten Gastronomieerbes arbeiten. Und das ist dann nicht „künstlich“ (wie in so vielen anderen Teilen Berlins), sondern authentisch und echt – gelebtes Kulturerbe, wie es genussvoller kaum sein kann.

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