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Berliner Currywurst - mit oder ohne Darm?

ewige Streitfrage ...

Will man Statistikern Glauben schenken, dann ist die Currywurst – zumindest Mengenmäßig betrachtet – das Lieblingsessen der Deutschen, die davon fast 1 Milliarde Portionen jährlich verdrücken. Auch wenn die Currywurst nicht mehr ist als reine Basisernährung, so hat sie doch ihre Freunde in allen Bevölkerungsschichten: von Tagelöhnern bis zu Generaldirektoren und sogar in hochgestellten Politikerkreisen wird sie geliebt. Alt-Kanzler Gerhard Schröder soll ein ausgesprochener Fan der Currywurst sein, was angesichts seiner Verbindung zum VW-Werk in Wolfsburg nicht wundert, ist doch Wolfsburg die Stadt mit dem höchsten pro Kopf Verbrauch an Currywürsten weltweit (allein im VW Werk sollen jährlich fast 5 Millionen Portionen Currywurst über den Ladentisch gehen).

Die Berliner werden aber nicht müßig, darauf zu beharren, dass die Currywurst eine Kreation ihrer Stadt ist. Im Zuge der Erfindung dieser kulinarischen Merkwürdigkeit wird immer wieder der Name Herta Heuwer genannt, die in ihrer Bude an der Kantstraße Ecke Kaiser-Friedrichstraße in Berlin-Wilmersdorf im Jahre 1949 die Currywurst kreiert haben soll. Auch wenn die Legende nicht stimmen sollte, Herta Heuwer ist den Berlinern so wichtig, dass ihr eine Gedenktafel gewidmet wurde. Unstreitig ist aber, dass Herta Heuwer aus Tomatenmark, etwa einem Dutzend Gewürzen, ein paar aromatischen Kräutern, Essig, Zucker und der unerlässlichen Worcestersauce eine Mixtur herstellte, die als Tunke wunderbar auf der indolenten Wurst mundete – so gut, dass sie sich ihre Marke „Chillup“ patentrechtlich schützen ließ. Wohlgemerkt: nur die Marke wurde geschützt, nicht das Rezept – dies hat sie nicht einmal ihren Nachfahren vermacht, sondern als ewiges Geheimnis mitgenommen.

Auch Max Konnopke hätte der Currywurst-Erfinder sein können, denn der sogenannte Wurstmaxe zog als Sohn armer Bauern im jugendlichen Alter in das von Wirtschaftskrise gebeutelte Berlin und entschloss sich 1930 zum Wurstmaxe zu werden. Er arbeitete vor allem nachts von 19.00 bis in die Morgenstunden, doch die Rechnung ging auf. Als aber 1939 das Fleisch knapp wird und es Wurst nur noch auf Lebensmittelmarken gibt, da sattelt er einfach um und verkauft Kartoffelpuffer. 1941 muss Max Konnopke als Soldat in den Krieg, wird gefangen genommen und kehrt erst 1947 ins zerbombte Berlin zurück. Er besann sich auf seine alten Fähigkeiten und wurde wieder zum Wurstmaxe. Seine Ware verkaufte er am Antonplatz in Weißensee und an der Schönhauser Allee am Prenzlauer Berg. 1960 hat er sich soweit wiederfangen, dass er einen eigenen Kiosk bauen kann und die Geburtsstunde der ostdeutschen Currywurst einleitet. Ob er von selber auf die Idee kam, über die Gerüchteküche vom Currywursterfolg in Westberlin erfuhr oder eine eigene Kreation erfand ist nicht gesichert und letztlich auch egal. Die Konnopkes konnten auch im Osten die beliebte Sauce am eigenen Herd anrühren und das trotz Ostdeutscher Mangelwirtschaft – man hatte eben so seine Kontakte über die man dann auch an Ketchup und Worcestersauce kam. Lediglich Naturdarm war knapp oder sehr teuer, weshalb die Konnopkes ihre eigene Wurst herstellten: die berühmte Currywurst ohne Darm. Und weil die Konnopkes ihre Ware zu moderaten Preisen anboten standen manchmal bereits 150 Menschen vor dem Kiosk Schlage und warteten in frühen Morgenstunden (der Laden öffnete um 4.30 Uhr) auf ihre Currywurst.

Berlin ist nicht mehr durch eine Mauer geteilt, aber in Sachen Currywurst allemal. Nicht nur bei der Frage „mit oder ohne Darm“ ist die Stadt bis heute nicht geeint (die meisten renommierten Buden bieten daher beide Varianten an), sondern auch in Sachen „Schneiden oder nicht Schneiden“. Im Westen wird die Currywurst vornehmlich in Räder geschnitten, im Osten meist im Ganzen und mit Besteck(!) serviert – Grund: die Ostler sind skeptisch, denn wenn die Wurst mal zerschnitten ist, könnte ein Stück fehlen, serviert man aber die ganze Wurst sieht der Kunde die Ware und fühlt sich nicht betrogen. Weitere Streitpunkte gibt es bei der Beilage, denn während in Gesamtdeutschland Pommes frites der unabdingbare Begleiter zur Currywurst sind, so lehnen echte Berliner Pommes ab und ziehen eine Schrippe vor. Und dann gibt es noch die Fraktion der Snobs, die meinen, dass man die Currywurst schön auf einem Porzellanteller anrichten müsse und dazu einen Schampus schlürfen solle. Das mag ja noch verständlich sein, aber bei Currywurst mit Blattgoldauflage fragt man sich dann schon, wer braucht das?

An sich ist die Streitfrage, wer denn nun die „Curry“ tatsächlich erfunden haben soll, obsolet (und an dieser Stelle soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Ruhrgebietler da noch ganz andere Ansichten haben). Wahr ist aber, dass die Currywurst ein typisches Nachkriegsessen darstellt. Betrachtet man die Zutaten der Sauce, so kann man durchaus feststellen, dass sie starke anglo-amerikanische Züge trägt. Denn mit Sicherheit waren es die Amerikaner und die Engländer, welche Ketchup und Worcestersauce in der Berliner Küche salonfähig machten. Und während man im Westen mit Chili würzte, so griff man im Osten einfach zu scharfem Ungarischem Paprika.

Wenn man heute einen Bummel durch Berlin macht und an verschiedenen Ständen Currywurst verkostet, so wird man feststellen, dass die meisten Buden industriell gefertigte Saucen über die Wurst gießen – oder überhaupt nur warmes Ketchup und Currypulver. Aber einige (meist tatsächlich nicht zu Unrecht berühmte) Stände verkaufen wirklich gute Ware, die lecker schmeckt. Andere Stände haben vielleicht nicht diese tolle Qualität, sind aber auch sehenswert, weil ihre Gäste und das Publikum unterhaltsam sind. Wer wenig Zeit für eigene Erkundungen hat, sollte sich auf die Klassiker verlassen – neben Konnopke gehören z.B. Biers Ku’Damm (und Biers Bahnhof Friedrichstraße), Curry 36 und Krasselt’s Imbiss zu diesen. Alternativ kann man auch ins Currywurstmuseum gehen, da gibt es gleich eine Currywurst-Lektüre dazu.

Currywurst isst man am besten an der Bude seines Vertrauens. Auch wenn verschiedene Fernsehköche mitunter tolle Eigenkreationen in punkte Currywurst für Hobbyköche präsentieren, so schmeckt sie am Stand noch immer am besten, denn auch die Atmosphäre drumherum ist wichtig und gehört unabdingbar dazu – nicht selten ist das Publikum am Stand interessanter als der Imbiss. Und noch etwas ist nicht wirklich empfehlenswert: Currywurst im Restaurant zu essen, denn die Currywurst war immer ein authentisches (Berliner) Streetfood und das sollte sie auch bleiben – mit oder ohne Schampus.

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