Menschen

Donnerbrunnen

Österreich
Brunnen  Denkmal
Unterm Mehlspeishimmel

»Mehlspeisen nennen sie Gedichte, Mädchenbrüste Gspaßlaberln«, bemerkte Karl Kraus schnippisch. Der legendäre Ruf der Wiener Mehlspeisküche geht wahrscheinlich auf den in Spanien aufgewachsenen Kaiser Ferdinand I. (1503–1564) zurück, der 1522 die kaiserliche Residenz an die Donau verlegte. Ferdinand war, was Zuckerbäckereien betraf, sehr verwöhnt und berief daher die bewährtesten »Zuggermacher« aus Spanien und den Niederlanden an den Wiener Hof. 1560 trat mit dem Holländer Matthias de Viss der erste Hofzuckerbäcker seine Dienste an. Zu dieser Zeit war die Wiener Mehlspeisküche aufgrund des teuren Zuckers eine rein aristokratische Angelegenheit, doch das blieb sie bekanntlich nicht.

Mit dem ländlichen Zuzug gelangten die derb-sättigenden bäuerlichen Milch-Mehlgerichte nach Wien, wo sie sich in zarte Gebilde aus Zucker, Schaum und Schnee verwandelten. Und mit den geschickten böhmischen Köchinnen und dem billigen Rübenzucker, der seit der Industrialisierung erhältlich war, wurde die Mehlspeisküche verbürgerlicht. Das Mehl – Grundlage all der süßen Zuckerbäckereien – wurde am »Mehlmarkt« (heute Neuer Markt) gehandelt, wo auf Nummer 5 das städtische Mehldepot stand. Seit 1739 steht hier auch der Donnerbrunnen, der ehemalige Mehlmarktbrunnen.

Neben Kuchen, Torten, Strudeln, Brezen, Kipferln, Krapfen und Kolatschen gelten vor allem die »Wiener Koche« als charakteristisch. Sie werden gerne aus fertigem (altbackenem) Gebäck zubereitet und in eine Haupt- oder Nachspeise verwandelt, die man als Auflauf im Rohr bäckt: Scheiterhaufen oder Semmelschmarren, Kipferlkoch und Kipferlschmarren gelten als typische Vertreter. Aber natürlich gehören zu den Mehlspeisen auch Apfelstrudel, Buchteln, Frucht-Knödel, Palatschinken, Topfentaschel, Milchrahmstrudel und und und … Wien ist wahrlich die Metropole, über die sich wie nirgendwo anders ein zuckersüßer »Mehlspeishimmel« wölbt.

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