Menschen

Häferlgucker

Österreich
Gebäude
Semiprofessionelle Topfbeschau

Im Jahr 1158 wurde Heinrich Jasomirgott (1107–1177) mit Gunst der Schottenmönche der Titel »Herzog« verliehen. Im Gegenzug verpflichtete er sich, die Schotten tagtäglich umsonst aus der Hofküche zu verpflegen. Die Speisen mussten naturgemäß von der Burg hinüber ins Kloster getragen werden. Schnell bürgerte sich unter den neugierigen Wienern die Unsitte ein, die Speiseträger aufzuhalten, um an den Töpfen zu riechen oder gar den Deckel abzuheben, um nachzusehen, welche Köstlichkeiten sich darunter verbargen. Heinrich missbilligte das sehr, vor allem weil »man nit wissen soll, was in seiner Kuchl auf seiner fürstlichen Gnaden Leib gekocht wurd«. Er verordnete daher, dass die Schottenbrüder ein Einkommen und Naturalien bekämen »damit sie sich [des Essenholens] enthalten mögen«. Die Schotten gründeten daraufhin 1175 das Schottenstift und kochten fortan selber. Von der Hofküche verwöhnt, wollten sie die Qualität sichern und betrieben daher nicht nur eigene Landwirtschaft, sondern gründeten auch gleich eine der bedeutendsten Wiener Kochschulen.
Kaiser Leopold II. setzte dann im Kampf gegen die unbeherrschte Völlerei die ersten professionellen Häferlgucker ein, die angewiesen waren, den Hausfrauen und Köchinnen in Töpfe und Pfannen zu schauen, um ein Übermaß an kulinarischen Genüssen zu vermeiden. Die Aufgabe der Kontrolleure bestand vor allem darin, die Anzahl der Gänge und die damit verbundene Zeitdauer bei festlichen Essen zu kontrollieren. Der Adel durfte bis zu sechs Stunden genießen, die Tafeln der Bürger mussten nach drei Stunden aufgehoben werden – außer es gelang, die Staatsorgane dazu zu überreden, selbst ein wenig mitzunaschen …
Bis heute wird der Ausdruck »Häferlgucker« leicht spöttisch für einen Gastrokritiker oder einen sehr neugierigen Küchenbesucher verwendet, der zwar nicht mithilft, dafür aber umso lieber nascht!

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Warenwert :