Menschen

Leinwandhaus

Österreich
Relief
"Betuchtes" Bier für Bacchanalien

Eine etwas unscheinbare mausgraue Tafel erinnert an das sogenannte »Leinwandhaus«. Im Jahr 1432 bekam das Wiener Bürgerspital, in dem damals vor allem mit »Leinen« gehandelt wurde, das Braurecht zugesprochen. Und weil sich der Leinenhandel im damaligen Wien zu einer wahren Börse des internationalen Tuchhandels entwickelte, lag nichts näher als den heftig feilschenden Tuchhändlern erfrischendes Bier anzubieten. Daher errichtete man eine Bierschenke, die das Leinwandhaus zum damals einzigen Brauhaus Wiens machte.
Der unter »Leinwandbier« firmierende Gerstensaft genoss bald einen ausgezeichneten Ruf. Besondere Bedeutung erlangte er allerdings am 24. Juni: Am Johannistag, dem Tag der Sommersonnenwende, wurde auf dem Hohen Markt ein riesiger mit Strohkränzen verzierter Holzstoß verbrannt, dessen Flammen die Innenstadt beherrschten. Trommler, Pfeiffer, Diener und phantasievoll Kostümierte zogen hinter den hoch zu Ross sitzenden Ratsherren her, während die freien Töchter der Stadt sowie die Hübschlerinnen Blumen und Kränze verteilten. Danach warfen die Damen ihre Kleidung ab und tanzten um das Feuer, wie ein Chronist berichtet: »Malerisch beleuchtete das rote Feuer die nackten Leiber der Schönen.« Als das Feuer erloschen war, zogen sich die Ratsherren ins Leinwandhaus zurück »um bei vollem Bierkrug und schäumendem Becher den Abend zu verzechen. Heute brauchten sie nicht zu fürchten, dass bald die Bierglocke zur Heimkehr mahnte […]«. Während sich die Herren der Schöpfung bei Bier und Würfelspiel amüsierten, tanzten in den Gassen die nackten Weiber auf aufreizende Weise, die »jeder Art von Sittlichkeitsbegriffen Hohn sprach«.
Kaiser Ferdinand I. schuf 1524 die Bacchanalien leider ab. Geblieben ist aber bis heute, allen durchlauchten Spaßverderbern zum Trotz, der Begriff »lei(n)wand« für etwas ganz besonders Schönes!

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