Menschen

Soljanka nach DDR-Art

Suppen und Eintöpfe

Historisches

Fragt man die Berliner, was denn das bekannteste Rezept aus DDR-Zeiten sei, dass auch heute noch seinen Fixplatz in der Berliner Küche habe, dann wird man zu fast 100% die Soljanka genannt bekommen. Ursprünglich ist die scharf-säuerliche Suppe ein typisch Russisches Gericht (und nicht wie oft fälschlicher Weise angegeben ein Ukrainisches) und gehört dort zusammen mit dem Borschtsch zu den Suppenklassikern der Alltagsküche.

In Russland wurde die Soljanka zunächst bis zum Ende des 19. Jahrhunderts seljanka genannt und bezeichnete zunächst sehr unterschiedliche ländliche Gerichte, wie heiße Suppe mit Fleisch oder Fisch, Kohl, Gurken, Zwiebeln, bis hin zu Brot mit Eiern. Die Benennung änderte sich zu „Soljanka“, weil schließlich zahlreiche Salzprodukte (соль (sol) „Salz“) zur Zubereitung verwendet wurden – soljanka heißt soviel wie „kleine Gesalzene“. Außer der Bezeichnung änderten sich auch die Rezepte, so wird mit der Soljanka heute meist ein Eintopf mit Fleisch oder Wurst bezeichnet, während die Variante mit Fisch als "Seljanka" bezeichnet wird.
Die größte geschmackliche Metamorphose vollzog diese seit mehr als 1000 Jahren bekannte Suppe (wahrscheinlich stammt diese im Osteuropäischen Raum weit verbreitete Suppe aus dem alten Byzanz – oder auch aus Regionen, wo Gulaschsuppen (der ist sie nicht unähnlich) verbreitet waren), als ihr Tomaten bzw. Tomatenmark zugefügt wurden. Neben der Variante mit Fleisch oder Fisch gibt es auch noch eine beliebte mit Pilzen. Wichtigste Würze sind neben Dill und Zitronensaft aber die salzigen Aromen wie Kapern und Oliven, manchmal kommen auch Mixed Pickles dazu.
In der ehemaligen DDR-Gastronomie wurde die Soljanka zum wichtigsten Eintopf des Landes – einerseits weil er einfach, preiswert und zugleich sättigend war, zum anderen weil man fast alle Zutaten leicht erhalten konnte (oder man einfach auch nur beliebige Reste in ihm verwerten konnte) und zudem auch noch die Freundschaft mit Russland dokumentierte. Die Soljanka konnte also gleich drei Wünsche auf einmal erfüllen!
Entgegen weitläufiger Ansicht ist die Soljanka aber nicht erst nach dem zweiten Weltkrieg im Zuge der Sowjet-Besatzung nach Deutschland gekommen, sondern bereits viel früher – und das nicht nur im Osten, sondern auch im Westen. In den 20er Jahren vorigen Jahrhunderts siedelten sich vor allem in Berlin sehr viele Russen an, die nach der Revolution aus ihrer Heimat flohen. Sie hatten natürlich auch erheblichen kulturellen Einfluss auf die Stadt und zwar einen derart großen, dass man den Bezirk Charlottenburg kurzerhand in Charlottengrad umtaufte. Hier lebten entsprechend viele Russen und schufen eine eigene Infrastruktur in Form von speziell für Russen designten Hotels und Pensionen, Restaurants, Cafés und sogar Delikatessengeschäften. Im Juni 1923 sollen fast 400.000 Russen in Berlin gewohnt haben. Spuren dieses Vermächtnisses sind in der Küche Berlins kaum auffindbar – erst war es die Nazi-Propaganda und später dann die Wahrnehmung der Sowjetunion als akute Bedrohung, die das reichhaltige kulturelle Erbe der Russen verdrängten und überlagerten. Und nach der Wiedervereinigung wurde – bis auf einige wenige touristisch oder romantisch vermarktbare – Relikte konsequent alles irgendwie an die Sowjetunion, die ja nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche der ehemaligen DDR durchdrang, erinnernde aus dem Alltag entfernt. Das einzige Relikt aus dieser Zeit ist somit die Soljanka, wenngleich man sagen muss, dass sich genau genommen nicht das aromatische russische Originalrezept erhalten hat, sondern die einfache DDR-Variante mit Fleisch- und Wurstresten. Ob man diese Form der Soljanka nun mag oder nicht, sei jedem selbst überlassen, jedenfalls ist sie aber ein Stück lebendiger „Ostalgie“. Wer diese Ostalgie hautnah erleben möchte, der begebe sich zum Soljanka-Schmaus in das Lokal Deponie Nr.3, denn der Name des Lokals war früher Programm: in den Hallen des heutigen Lokals war früher tatsächlich eine russische Panzerdeponie untergebracht. Authentischer geht es kaum: ein von der DDR eingedeutschtes russisches Rezept in einem Lokal im ehemaligen Ostteil Berlins genossen und das in Räumlichkeiten der ehemaligen Sowjetarmee. Auch das ist Berlin.

Zutaten

300 bis 400 g  Fleischreste
am besten bunt gemischt Rind, Schwein, Huhn, Lamm ...
250 bis 300 g  Wurstreste
bunt gemischt Frankfurter, Debrecziner, Knacker etc.
125 g  Speck
200 g  Zwiebeln
2 bis 4   Knoblauchzehen
100 g  Tomatenmark
1 bis 2 EL  Paprikapulver "rosenscharf"
2 bis 3   Essiggurken
möglichst "sauer"
1 bis 2 EL  Salzkapern
gewaschen
1 1/2 bis 2 L  Fleischbrühe
  Pfeffer aus der Mühle
  Salz

außerdem:

  Zitronenscheiben
ohne Schale, evt. entkernt
  Sauerrahm
  Dille
frisch gehackt

Zubereitung

Speck würfeln, Zwiebeln hacken und beides zusammen in einer Kasserolle hellbraun dünsten. Gepressten Knoblauch und Tomatenmark dazugeben und kurz mitrösten, dann die gewürfelten Wurstreste sowie die in Streifen geschnittene Gurke hinzugeben. Alles noch eine Weile dünsten, danach mit der Fleischbrühe aufgießen und köcheln bis Wurst und Fleisch weich sind. Mit gut gewaschenen Kapern verfeinern und abgeschmeckt in Teller schöpfen. Zitronenscheiben hineinlegen, mit Dill bestreuen und mit einem großen Klecks Saurer Sahne garniert auftischen.

Tipp

Hinweis: In manchen Rezepten bereitet man die Suppe auch mit Kohl oder Sauerkraut zu oder man gibt zur Suppe 2 klein gewürfelte Paprikaschoten. Die Vietnamesen sollen ihre Soljanka übrigens gern mit Chili geschärft haben.

Warenwert :